Große Götter können keine kleinen Pferde reiten.

An was denkst Du, wenn Du von „Besessenheit durch Geister“ hörst?

Teufel und Dämonen! Gemeine Kreaturen, die arme, unschuldige Seelen quälen! Geister, die verbannt und exorziert gehören, damit sie kein Unheil mehr anrichten können! Poltergeistphänomene und Wahnvorstellungen! Ja, das kann durchaus damit gemeint sein. Aber das ist nur einer von vielen Aspekten von Besessenheit.

Invokation (lat. „Hineinrufung“) kann in vielen unterschiedlichen Kulturen und Religionen beobachtet werden und ist oft mit aufwändigen Zeremonien für alle möglichen Zwecke verbunden. Im Kern jeder dieser Zeremonien geht es aber immer darum, von einem Geist oder Gott „besessen“ zu werden und somit Gefäß und Kanal für die jeweilige Energie zu sein.  Im Voodoo, einer Religion deren Rituale stark von Invokationen geprägt sind, spricht man z.B. vom „Ritt“ der Götter auf menschlichen „Pferden“.

Wozu das alles? Sind die verrückt?! Die lassen sich FREIWILLIG von Geistern besetzen?!

Nun, etwas „Verrücktheit“ ist vielleicht manchmal gar nicht so verkehrt. Wenn man Grenzen überschreiten will, um unentdecktes Land zu sehen, gehören ein bisschen Risikofreude und Abenteuerlust einfach dazu.

Rituelle Besessenheit hat beispielsweise den Zweck, mit einer Gottheit in direkte Kommunikation zu treten, indem man ihr Fragen stellt oder Bitten an sie richtet. Stell Dir vor Du könntest „Gott“ (oder wie Du es auch nennen willst) fragen, was der Sinn des Lebens ist!

Würdest Du es wissen wollen?

Andere „Verwendungsmöglichkeiten“ von Göttern in Menschen sind beispielsweise energetische Übertragungen durch die besessene Person oder Rituale, in denen Gottheiten wichtige rituelle Ämter übernehmen. Sowas macht in vielen Fällen großen Spaß. Hat nicht jeder schon mal davon geträumt, als Gott mit Opfergaben beschenkt zu werden? Oder von einem Gott einen bestimmten Gegenstand geschenkt zu bekommen? Man kann Invokationen außerdem auch benutzen, um sich selbst mit bestimmten Qualitäten aufzuladen, die man für das Erreichen eines Ziels benötigt. Aber hier ist Vorsicht geboten. Eine Kriegsgott-Invokation vor einem Boxkampf kann verheerende Folgen haben, wenn man nicht aufpasst. 

Invokationen können sehr unterschiedlich ablaufen, sowohl was die Dauer als auch die Intensität angeht. Einer unserer Ordensbrüder hat ein schönes Bild dafür gefunden: Invokationen kann man mit einer Autofahrt vergleichen. Du bist der Fahrer, Dein Körper ist das Auto. Es gibt Invokationen, in denen man auf den Beifahrersitz rutscht und jemand anderen ans Steuer lässt. Man sieht, wohin es geht, man kann in Notfällen noch ins Steuer greifen und man kann irgendwann auch mal Bescheid sagen, dass man jetzt gern wieder selbst fahren würde. Es gibt aber auch Invokationen, in denen man plötzlich gefesselt, geknebelt und in den Kofferraum gesteckt wird. Man wird dann (hoffentlich) irgendwo irgendwann wieder raus geholt und hat keine Ahnung, wo man ist und was während der Fahrt passiert ist.

Welche dieser beiden Varianten passiert, kann vorher nie ganz sicher gestellt werden. Manchmal kann sich eine Invokation in wenigen Minuten von einer leichten Trance in völlige Bewusstseinsveränderung verwandeln. Dieses Risiko ist es, das man eingehen muss, wenn man Invokation erleben will.

Für alle, die diese Technik näher interessiert, werden wir in Kürze noch einen weiteren Artikel verfassen, einen Erfahrungsbericht und gleichzeitig ein einfaches Beispiel für Invokation.

Bis dahin, lasst Euch nicht von Dämonen jagen!

Alles Gute,

– Bär und Fuchs

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morbides Chaosvoodoo in Wien

Warum um alles in der Welt sollte man sich mit dubiosen Voodoo-Geistern, unheimlichen, betrunkenen, tanzenden Skeletten und den Mächten des Todes in einem Ritual auseinandersetzen?

Warum denn nicht?

Wie jedes Jahr haben sich vor kurzem ein paar Chaosmagier in Wien getroffen, um ein mehrtätiges Voodoo-Ritual zu feiern: Ein großer Garten mit diversen Altären war erneut der Schauplatz einer wilden Party voller Schnapps, Zigarren, Trommeln, geschminkten Totenfratzen und Grabkreuzen. Wir haben die Loa (Götter, bzw. Geister) des Todes eingeladen: die „Guede“, angeführt von Baron Samedi, dem Herrn des Totenreichs.

Voodoo ist eine Religion, die leider sehr oft missverstanden wird. Das, was Hollywood uns in Horrorfilmen zeigt hat nur sehr bedingt etwas mit dem echten Voodoo zu tun. Um daher Missverständnisse gleich am Anfang aus dem Weg zu räumen: Unser Ziel war es nicht, schwarze Magie mit Puppen zu betreiben, sondern mit den Fruchtbarkeits- und Totengeistern in Kontakt zu treten um mit ihnen zu feiern, sie zu ehren, ihnen Geschenke zu machen und um den Tod als Teil des Lebens zu verstehen.

Die Guede sind bekannt für ihre laute und obszöne Art, ihre Gier und ihre Rücksichtslosigkeit, mit der sie ihre Bedürfnisse befriedigen. Sie sind gleichzeitig Herren über Tod, Leben und Fruchtbarkeit. Werden sie eingeladen, sollte man viel Rum, süße Speisen und Zigarren bereit gelegt haben, um sie den Loas anzubieten. Guede erwarten Geschenke im Überfluss, die in einer großen, spektakulären Feier regelrecht verschlungen werden. Und auch wenn sie anstrengend und mit Vorsicht zu genießen sind, lohnt es sich, mit den Guede in Kontakt zu treten. Wenn man sie genug beschenkt, können sie sehr großzügig werden.

Den Guede gehört am Ende alles. Alles stirbt früher oder später. Und das ist gut so. Der Tod ist in der westeuropäischen Gesellschaft leider viel zu oft ein Tabuthema. Er ist unangenehm. Vor allem der Gedanke daran, dass man selbst irgendwann stirbt scheint die Menschen zu stören. Aber in meinen Augen ist gerade diese Tabuisierung der Grund dafür, dass einem der Tod fremd erscheint, obwohl er ein so wichtiger Bestandteil des alltäglichen Lebens ist. Ich persönlich finde es wichtig, mich mit dem Tod auseinanderzusetzen und zu verstehen, warum alles irgendwann sterben muss. Angst vor dem Tod ist grässlich. Ihn anstelle dieser Angst als etwas Willkommenes zu sehen, halte ich für die bessere Alternative. Ich freue mich über meine Sterblichkeit. Ich will nicht ewig leben. Nur so wird das Leben erst wirklich wertvoll für mich.

Wie funktioniert Voodoo?

Einer der Aspekte, der Voodoo für Viele zu einer so unheimlichen Religion macht ist die rituelle Besessenheit, die bei den Zeremonien passiert.  Man nennt es „geritten werden“, und oft sieht es wirklich wie ein Ritt aus. Wilde, unkontrollierte Gesten, ein Zucken am ganzen Körper, schmerzhaft aussehende Verrenkungen, manchmal laute Schreie oder hysterisches Lachen. Und tatsächlich sind diese Besessenheiten kein Spiel und die Angst davor ist nicht ganz unberechtigt. Es ist riskant. Besonders dann, wenn man sich nicht ausreichend mit ritueller Besessenheit auskennt oder die Loas respektlos behandelt. In solchen Fällen kann es passieren, dass der jeweilige Loa dem Medium, bzw. anderen Teilnehmern erheblichen Schaden zufügt.

Verfügt man aber über genug Erfahrung, können diese Besessenheiten schöne und kraftvolle Erlebnisse sein, sowohl für das „Pferd“ (die besessene Person), als auch für die anderen Teilnehmer: Direkte verbale und körperliche Interaktion mit Göttern in menschlichen Körpern.

Die Trance, in der sich die Pferde während der Zeremonie befinden wird gewöhnlich durch Trommelrythmen, Gesang und Tanz erreicht. Vorher werden Glocken geläutet und die Teilnehmer klopfen und stampfen auf den Boden, um die Loa anzulocken. Während des Rituals kommt viel „agua de florida“ zum Einsatz, hochprozentiger Alkohol mit Blütenessenzen. Dieses „Blumenwasser“ hilft, die Geister in den Körper ein- und wieder heraustreten zu lassen, wenn man sich damit einreibt. Ein Ritt kann mehrere Stunden lang dauern, er kann aber auch bereits nach wenigen Minuten wieder vorbei sein. Wie lange es dauert, entscheidet für gewöhnlich nicht das Pferd, sondern der Loa. Die Ritualteilnehmer, die nicht geritten werden, haben die Aufgabe, den Loas Geschenke und Opfergaben zu überreichen und sich um die Pferde zu kümmern. Sie fangen sie auf, wenn sie fallen und betreuen sie, wenn der Loa sie wieder verlassen hat. In einigen Fällen können sie auch versuchen, den Ritt von außen zu beenden, wenn Komplikationen auftreten.

Warum wir all diese Mühen auf uns nehmen? Weil es eigentlich gar keine so großen Mühen sind. Und weil es wichtig ist, den Tod in das Leben zu integrieren. Die Loa können dabei helfen indem sie wichtige Botschaften übermitteln, Fragen beantworten und nicht zuletzt auch hin und wieder einen Handel mit uns eingehen. Guede können grundsätzlich alle Wünsche erfüllen, sie verfügen über große Macht. Aber am meisten Sinn macht es sie darum zu bitten, geliebten Personen beim Sterben oder Loslassen zu helfen oder Kontakt mit bereits verstorbenen Seelen aufzunehmen. Wenn man einen Handel eingeht, muss man aber für gewöhnlich auch eine Gegenleistung erbringen, beispielsweise in Form eines Opfers.

Auch wenn ich dieses Jahr keinen Handel eingegangen bin (weil mir leider nichts Sinnvolles eingefallen ist, um das ich die Guede hätte bitten können), war das Fest für mich sehr schön und heilsam. Ich habe wichtige Erkenntnisse über mich selbst gewonnen. Und ein Guede hat in mir einen zuerst schmerzhaften, aber dennoch wichtigen Prozess in Gang gesetzt, der mich in vielen Punkten enorm weiterbringt.

Ich möchte die Leser/innen an dieser Stelle dazu ermutigen, sich näher mit Voodoo auseinanderzusetzen. Die Rituale dieser Religion sind, wenn sie erst einmal richtig verstanden werden, ein äußerst wertvoller Schatz. Wer sich mit ritueller Besessenheit noch nie auseinandergesetzt hat, sollte aber keine großen Experimente wagen, sondern klein anfangen. Ein Sprichwort aus der Dominikanischen Republik sagt: „Große Götter können keine kleinen Pferde reiten.“

Für alle, die das Thema der rituellen Besessenheit näher interessiert, gibt es hier einen weiteren Artikel dazu: LINK

In diesem Sinne,

– Fuchs, immer noch ein Bisschen „tot“/müde