Dank den Toten

Den folgenden Artikel habe ich vor einer Weile geschrieben, als ich aus Deutschland zurück nach Wien gefahren bin:

Es ist der 06. Februar 2014. Ich sitze im Zug nach Düsseldorf und bin auf dem Weg zum Flughafen, von wo aus ich heute Abend zurück nach Wien fliegen werde. Ich komme von der Beisetzung meiner Großmutter. Es war ein guter Tag, es wurde viel geweint und viel gelacht. Und wieder einmal denke ich über den Tod nach, dem ich durch einen schweren Autounfall vor ein paar Jahren schon einmal sehr nahe gekommen bin.
Ich bin für diese Erfahrung sehr dankbar. Denn was ich damals erlebt habe war absolute Vollkommenheit. Es war ein „Ort“, an dem alles aufhört und zu einer unendlichen Einheit verschmilzt, ohne Raum und Zeit. Selbst der Tod spielt dort keine Rolle mehr. Es ist ein Einssein mit einer bewussten, allgegenwärtigen, ewigen Existenz, die nicht mehr reflektiert, nicht mehr denkt, nicht mehr erinnert und den perfekten Frieden erlebt. Und alles was ich glaube, alles was ich fühle bestärkt mich in der Gewissheit, dass meine Großmutter jetzt ein Teil dieses allgegenwärtigen, ewigen Friedens geworden ist.

Ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen, dass der Ort an dem ich war (der am besten mit dem Wort „Nirwana“ beschrieben werde kann, auch wenn das vielleicht überheblich klingt) nicht bloß ein Übergang in ein nächstes Bewusstseinsstadium war. Vielleicht war dieser Zustand nur ein kurzer Moment im Prozess der Reinkarnation? Eine Phase in der sich alles auflöst, um dann wieder neu zusammengefügt zu werden? Aber ebenso wenig kann ich ausschließen, dass Reinkarnation nur für einen Teil der Menschen passiert. Vielleicht ist das, was nach dem Tod kommt für jeden Menschen anders. Vielleicht bestimmen unsere Erwartungen an das jeweilige Nachleben, was mit unserer „Seele“ passiert, wenn ihre Hülle sie wieder freigibt.
Aber das ist alles bloß theoretisches Gefasel. Der Tod ist und bleibt ein Ort, an den wir Lebenden nicht schauen können, von dem wir nicht mit Bestimmtheit sagen können, wie oder was er ist. Selbst ich, der bereits mehrere Stunden lang quasi tot war, weiß nicht sicher, ob meine Erinnerungen tatsächlich stimmen oder ob mein Bewusstsein sie im Nachhinein nicht mit bestimmten Vorstellungen/Erwartungen gefärbt hat. Ebenso wenig weiß ich, ob sie wirklich aus der Zeit kommen, in der mein Gehirn inaktiv war oder ob sie erst aus der Koma-Phase kommen, in der ich schon wieder lebendig war. Deswegen kann ich jetzt noch lange über meine Erinnerungen und Erfahrungen sprechen, aber dem Geheimnis des Todes bringt es uns kein Stück weiter auf die Schliche, wenn wir ehrlich sind. Dennoch glaube ich, dass meine Erlebnisse echt waren.

Es geht mir aber eigentlich um etwas ganz anderes, nämlich um unseren Umgang mit dem Tod, um etwas also, das bei uns Lebenden im Diesseits passiert.

Wenn jemand in unserer Kultur stirbt, ist das in den allermeisten Fällen etwas Schlimmes, ein schmerzhafter Verlust und ein Einschnitt in das tägliche Leben. Der Tod wird von vielen Menschen hierzulande als etwas Unheimliches, Bedrohliches wahrgenommen. Man denkt ungern darüber nach, dass alle Menschen irgendwann einmal sterben müssen. Man redet selten darüber. Und schon gar nicht willkommen sind Gedanken, die sich mit dem eigenen Tod beschäftigen. Oft machen sich dann sehr schnell Ängste und Sorgen breit. Wie wird der Tod für mich? Wird es ein schnelles Ende sein oder werde ich leiden? Was passiert mit meinen Angehörigen? Wird man mich sehr vermissen? Oder gar nicht? Was wird man über mich sagen? Komme ich in den Himmel oder in die Hölle? Oder gibt es das gar nicht und hört dann alles auf? Für immer? Ich will noch nicht sterben, ich habe Angst, etc…

Ich habe über die Jahre und besonders nach dem Unfall ein anderes Verhältnis zum Tod bekommen. Eines, das mir bewusst gemacht hat, wie wichtig und wertvoll unsere Sterblichkeit ist. Wie kostbar sie das Leben macht, weil es irgendwann enden wird. Wie wichtig es ist, die Lebenszeit in vollen Zügen auszukosten und zu versuchen, das Bestmögliche daraus zu machen. Ich heiße meinen Tod willkommen, ich umarme ihn, ich WILL irgendwann sterben. Ich habe nicht nur keine Angst davor, ich will es. Was ich begonnen habe, möchte ich zu einem Abschluss führen, irgendwann, wenn ich alt bin und weiß, dass es Zeit ist. Wer will denn ewig leben?
Und auch der Tod meiner Angehörigen und Freunde steht inzwischen in einem anderen Licht. Am Grab meiner Großmutter war ich natürlich wie alle Anderen auch traurig, aber überwogen haben andere Gefühle: Es waren Freude über ihren schnellen, schmerzfreien, würdevollen Tod und Dankbarkeit dafür, dass ich sie kennen und so viel mit ihr erleben durfte. Ich empfinde Beerdigungen in erster Linie nicht als Trauer-Zeremonie und als Abschied, etwas also, das hauptsächlich für uns Lebende passiert. Ich empfinde sie als ein Fest, das zu ehren der Person gefeiert wird, die gestorben ist. Und daher habe ich mich nicht auf mich und meine Trauer konzentriert, sondern auf meine Großmutter, auf meine Erinnerungen an sie, auf das Gefühl von Stolz dafür, ihr Enkel gewesen zu sein, das Gefühl von Freude für viele schöne Momente, die ich mit ihr erleben durfte, das Gefühl von Demut dafür, dass sie die Erschafferin meiner Erschafferin war und somit eine Bedingung dafür, dass ich existiere. Ich stand lächelnd an ihrem Grab, um „Danke“ zu sagen für alles, was sie mir gegeben hat. Erfahrungen, Wissen, Liebe, gute Ratschläge… all das lebt jetzt in mir weiter und ich gebe es weiter an andere Menschen. So lebt meine Großmutter im Diesseits weiter, durch all das was sie in dieser Welt verändert hat.

Einige Menschen waren während der Beerdigung sehr irritiert von meinem Gesichtsausdruck und dem leichten, klaren Gemüt, das ich an den Tag gelegt habe. Es war aber nie meine Absicht, jemanden damit zu empören oder gar zu verletzen. Es kam mir dabei nicht auf die Anderen Trauernden an, sondern nur auf meine Großmutter, nur darauf, sie würdig zu verabschieden. Ich wollte ihr als letzte Geste kein tränennasses, leidendes Gesicht, sondern ein Lächeln voller Dankbarkeit schicken. Und ich habe ein Lachen als Antwort bekommen: Nachdem die Urne beigesetzt war habe ich ihr Lachen deutlich unter den Stimmen in der Gaststätte hören können, laut wie immer. Ich kann sie ab jetzt immer im Ahnenreich besuchen, einer Welt in der alle meine Vorfahren und Ahnen als energetische Spuren aus der Vergangenheit auf mich warten, um mir Wissen, Weisheit und Erfahrung mitzugeben. Und jedes Mal, wenn ich diesen Ort im Geiste besuche, gibt es für mich als allererstes nur ein einziges Wort zu sagen: „Danke.“ Meine Großmutter ist mir an diesem Ort jetzt auf gewisse Weise sogar näher als vorher.

Ich finde es sehr schade, dass viele Menschen das nicht nachvollziehen können und darüber wütend werden. Fast schon so als gäbe es die unausgesprochene Regel, dass man bei einer Beerdigung gefälligst traurig zu sein hat und diese Trauer auch nach außen trägt. Nur dass ich nicht falsch verstanden werde: Ich will niemandem seine Trauer absprechen, Trauer ist wichtig und gut, ebenso wie die Dankbarkeit. Aber ich wünsche mir, dass ich bei der nächsten Beerdigung, die ich besuche besser verstanden werde oder dass die Menschen, die sich durch mein Lächeln gestört fühlen wenigstens fragen, um nachzuvollziehen was in mir vorgeht, anstatt verständnislos den Kopf zu schütteln.

Ich danke meinem Großvater dafür, dass auch er die Größe hatte, in seinem großen Schmerz viel zu lachen und zu lächeln. Und ich beende diesen Text mit einem dreifachen Danke, Danke, Danke für alles. Ich schreibe es drei Mal, lächelnd, damit Du es hörst, Oma Lisa

.

– Fuchs

Advertisements