Chaosmagie – der Versuch einer Definition

Ich stoße sehr oft auf fragende Gesichter wenn ich erzähle, dass ich Mitglied in einem chaosmagischen Orden bin. Selbst in der magischen Szene gibt es noch immer viele Menschen, die mit dem Begriff „Chaosmagie“ nicht viel anfangen können. Bei Hexentum, Energiearbeit, zeremonieller Magie und schamanischer Trance ist hingegen fast jedem klar worum es in etwa geht. Aber Chaosmagie ist ein noch relativ neuer Begriff. Oft höre ich sogar, dass Chaosmagie schrecklich gefährlich und böse sei, dass Chaosmagier „ohne doppelten Boden arbeiten“ und vieles mehr. Vermutlich liegt das daran, dass „Chaos“ in diesem Zusammenhang von vielen Menschen missverstanden wird. Im Internet gibt es inzwischen viele Versuche, ein Bisschen Licht ins Dunkel zu bringen. Aber ich kenne nur wenige Anlaufstellen, die eine gute Auskunft über Chaosmagie geben. Selbst Wikipedia tut sich da schwer. Deswegen will ich mit diesem Artikel mal versuchen, Missverständnisse aus dem Weg zu räumen und in Worte zu packen, was genau ich unter Chaosmagie verstehe.

CHAOSMAGIE IST KEINE TECHNIK!

Zunächst: „Chaosmagie“ ist in meinen Augen ein irreführender Begriff. Viele Leute die dieses Wort das erste Mal hören oder lesen stellen sich nämlich unter Chaosmagie eine magische Technik vor. Eine besondere Methode, die irgendwas mit Chaos zu tun hat. Aber das ist nicht der Fall. Bei Chaosmagie handelt es sich nicht um eine magische Technik, sondern eher um eine Metaebene, von der aus Magie betrachtet wird. Schau Dir ein Ritual an. Irgendeines. Es ist ganz egal, ob es sich um ein heidnisches Jahreskreisfest handelt oder um eine Voodoo-Session mit Tanz und Trommeln, egal ob Du einen katholischen Gottesdienst siehst, eine Kali-Puja oder ein klassisches zeremonialmagisches Ritual à la Crowley… Es ist unmöglich zu sagen ob das jeweilige Ritual von einem Chaosmagier durchgeführt wurde oder nicht. Das ist von außen nicht zu erkennen. Um herauszufinden ob jemand Chaosmagier ist solltest Du mit ihm darüber reden wie Magie funktioniert und was genau er macht wenn er seine Rituale zelebriert.

Chaosmagie ist eine magische Philosophie die auf folgendem Gedankenkonstrukt aufbaut: Es ist für den Erfolg Deiner Magie vollkommen egal was Du machst, welche Götter Du anbetest, welche Regeln Du befolgst und welche magischen Artefakte zum Einsatz kommen. Solange es funktioniert und Du am Ende Deinen Wunsch manifestieren konntest macht das keinen großen Unterschied. Magie wird ja schließlich nicht der Magie willen gemacht, sondern um bestimmte Resultate zu erzielen. Wie genau man zu diesen Resultaten kommt ist vollkommen nebensächlich.
Chaosmagie wird oft als „Zaubern ohne Regeln“ verstanden. Und in der Tat gibt es für Chaosmagier keine festen Dogmen oder Gesetze an denen man sich orientieren muss. All diese netten Spielereien wie Ritualroben, magische Dolche, Zauberstäbe, Kerzen, Räucherwerk, rituelles Schauspiel, lange theatralische Anrufungstexte, Trommelrhythmen, Götterstatuen, festgelegte Ritualabläufe, etc… das ist nichts weiter als unterstützendes Beiwerk! Beiwerk das den eigentlichen magischen Akt im Bewusstsein des Magiers unterstützen und erleichtern soll, das aber selbst keinen magischen Effekt erzielt solange nicht daran geglaubt wird.

Der Glaube oder anders gesagt die Erwartungshaltung ist das worum es eigentlich geht. Ein Beispiel, um das zu verdeutlichen: Placebos wirken nicht immer (genauso wie Magie). Aber wenn sie wirken, dann ist es nicht der Traubenzucker der die Patienten wieder gesund macht. Es ist die Erwartung, bzw. der Glaube daran, dass diese kleine Pille die Krankheit besiegen wird. Das geht sogar bei Krankheiten die eigentlich als unheilbar gelten. Und genau so funktioniert in meinen Augen Magie: Das Ritual mit den vielen aufwändigen Vorbereitungen und dem komplizierten Ablauf ist nichts anderes als ein Placebo für unser Bewusstsein. Es soll uns weißmachen, dass eine bestimmte Veränderung der Realität passieren wird. Die eigentliche Magie passiert aber woanders, nämlich in unseren Köpfen.
Ja, das ist sehr eng verwandt mit Psychologie. Und es gibt viele Menschen, die Magie und Psychologie gleich setzen. Ich gehöre nicht dazu. Im Gegensatz zu den meisten Psychologen glaube ich nämlich, dass mit Glaubenskraft noch viel mehr möglich ist als Heilung. Dinge, die über die Grenzen der modernen Wissenschaft hinaus gehen. Dinge, die eigentlich als „unmöglich“ gelten.

Es kommt also weniger darauf an irgendwelche Regeln genau zu befolgen. Es ist viel wichtiger herauszufinden, welches Placebo am besten wirkt. Ist es für Dich einfacher in einer Robe zu zaubern und klassische Ritualtexte zu rezitieren? Dann mach Zeremonialmagie. Oder hockst Du lieber in einem Wald, trommelst Dich in Trance und unterhältst Dich in Visionen mit Naturgeistern? Dann mach eine schamanische Reise. Welche Methode Du wählst solltest Du danach auswählen was Dir am besten liegt, bzw. was Dich schneller und stärker daran glauben lässt, dass wirkliche Magie passiert ist. Denn dann IST sie wirklich passiert. Das bedeutet, dass Du auch vollkommen blödsinniges Zeug machen kannst, wenn es für Dich die besten Resultate bringt. Es ist vollkommen egal ob andere Magier nachvollziehen können was Du da machst, solange das passiert was Du damit erreichen willst.
Viele Menschen verbinden Chaosmagie mit völlig bunten, verrückten, neuartigen Ideen und seltsamen Ritualen die keinen Sinn zu machen scheinen. Und ja, weil es eben ganz egal ist ob es für andere Leute Sinn macht oder nicht kann es in der Tat vorkommen, dass jemand den grünen Ball aus der rosa Ecke mit dem blauen Hut beschwört, um mehr Erfolg bei einem Vorstellungsgespräch zu haben. Totaler Bullshit! Aber wenn man es mit genügend Willensstärke und der Überzeugung macht, dass dieser grüne Ball tatsächlich die Macht hat einem zu helfen können erstaunliche Dinge passieren. Aber wie gesagt muss das nicht sein. ein chaosmagisches Ritual kann auch aus einer stundenlangen überlieferten Zeremonie von Agrippa bestehen. Entscheidend ist allein der Glaube daran, dass die Magie funktionieren wird.

REALITÄT UND WIRKLICHKEITEN

So einfach ist das? Einfach fest genug an etwas glauben und es wird wahr? Ja. So einfach ist das. Aber: Es ist schwieriger als es den Anschein macht. Denn: Auch andere Menschen haben Bewusstseine und Glaubenssätze. Und diese Glaubenssätze wirken sich ebenso auf die Realität aus. Deswegen machen sie uns oft genug einen Strich durch die Rechnung wenn wir magische Effekte erzielen wollen. Zaubere erfolgreich in der Mitte von Menschen die nicht an Magie glauben und Dich lauthals auslachen und ich ziehe meinen Hut vor Dir. Ja, ich habe vorhin gesagt, es sei egal ob andere Leute Deine Magie für Schwachsinn halten, solang sie funktioniert. Aber damit sie auch in Anwesenheit von lauter Ungläubigen funktioniert musst Du schon was drauf haben.

Es ist an dieser Stelle wichtig, zwischen den Begriffen „Realität“ und „Wirklichkeit“ zu unterschieden. Wirklichkeit ist das was auf uns eine WIRKung hat. Aber diese Wirklichkeit muss noch nicht unbedingt real sein. Ein Beispiel: Nehmen wir mal an, dass ich gemein bin und jemandem irgendwelche halluzinogenen Drogen in seinen Kaffee mische. Eine Weile nachdem er diesen Kaffee getrunken hat wird sich seine Wirklichkeit sehr verändern. Er wird Dinge wahrnehmen, die nur in seinem Kopf passieren, die für ihn aber durchaus sehr wirklich sein können. Aber sie sind nicht Teil unserer Realität. Realität entsteht dort wo sich Wirklichkeiten überschneiden.
Das kann man gut verdeutlichen, wenn man sich ein Zimmer mit drei Menschen vorstellt. Jeder dieser drei Menschen sitzt an dem selben großen, runden Tisch. Und jeder von ihnen hat demzufolge eine Wirklichkeit, die sich von den Wirklichkeiten der beiden anderen unterscheidet. Beispielsweise weil jeder von ihnen Dinge sieht welche die beiden anderen nicht sehen können. Oder weil jeder seine eigenen Gedanken hat, die den beiden anderen nicht bekannt sind, die aber dennoch eine Wirkung auf ihn haben. Und doch teilen alle drei Menschen eine gemeinsame Realität, die sich beispielsweise so gestaltet, dass sie alle an einem Tisch in einem Raum sitzen. Auch die gesprochenen Wörter sind gemeinsam erfahrene Realität. Fazit: Was also für uns wirklich ist muss noch längst nicht für alle anderen wirklich sein. Wenn man die Realität verändern will ist es demnach wichtig so stark an diese Veränderung zu glauben, dass die eigene Wirklichkeit auch zur Wirklichkeit der Anderen wird. Im Falle der Placebo-Pille muss ich also so stark an meine Heilung glauben, dass ich sie mir nicht nur einbilde sondern dass auch alle anderen sehen können, dass ich gesund werde.

Wie verzaubere ich einen Menschen der nicht an Magie glaubt? Und wie verändere ich Realitäten im größeren Ausmaß? Wie geht das in einer Gesellschaft in der ein großer Teil der Bevölkerung nicht an Magie glaubt? Um größere Realitäten zu verändern (ich spreche hier von Realitäten die von zig tausenden Menschen erschaffen werden) müssen wir uns Kräften bedienen die größer als wir sind. Ich rede von Kräften wie beispielsweise Gottheiten oder Ähnlichem. Überwesen die unsere Macht bei weitem übersteigen. Ja, auch diese Gottesbilder sind von Menschen und ihrer Glaubenskraft gemacht worden. Der Punkt ist aber, dass diese Gottheiten nicht nur von einem einzigen Menschen erschaffen werden, sondern von allen Menschen die an sie glauben und mit ihnen arbeiten, zu ihnen beten, etc. Das heißt, dass ich mich im Falle einer Gottheit an ein Wesen wende, das mit einer Vielzahl von Bewusstseinen auf der ganzen Welt verbunden ist. Und diese Bewusstseine haben einen deutlich größeren Einfluss auf eine große Realität als ein einzelner Magier der ganz allein und verzweifelt versucht einen bestimmten magischen Effekt zu erzielen.
Nein, Götter und Geister sind nicht notwendig um magisch zu arbeiten. ABER: Sie unterstützen große magische Operationen ungemein. Oder anders gesagt: Götter sind menschliche Konstrukte. Aber das heißt nicht, dass sie nicht trotzdem funktionieren, wenn man zu ihnen betet. Einer meiner Ordensbrüder hat das einmal sehr treffend formuliert: Wozu brauchen wir Götter? Warum haben wir sie erschaffen? Wir haben sie erschaffen, damit wir mit dem kommunizieren und arbeiten können das hinter den Grenzen unseres Verstandes und unserer Fähigkeiten liegt. Alle Götter und Dämonen sind WIR.

PARADIGMENWECHSEL

Häufig wird Chaosmagie mit dem sogenannten Paradigmenwechsel in Verbindung gebracht. Darunter versteht man das beliebige Wechseln von Weltbildern und Glaubenssätzen, was das Kombinieren von magischen Techniken verschiedener Schulen und Traditionen sehr erleichtert. Wieder ein Beispiel: Ein frommer Katholik würde vermutlich große innere Konflikte austragen wenn er an einem heidnischen Ritual teilnehmen würde bei dem ein gehörnter Gott verehrt wird. Chaosmagier haben damit für gewöhnlich kein Problem. Für einen Chaosmagier sind Regeln und Gebote, ja selbst Weltbilder und Kosmologien nur Konstrukte die dazu benutzt werden, das Chaos zu manipulieren. Nein, mit „Chaos“ meinen wir in diesem Fall keine Unordnung. Wir meinen das was hinter dem griechischen Begriff „Kaos“ steckt. Das Chaos ist für uns eine erschaffende Kraft die alle Möglichkeiten und Unmöglichkeiten enthält. Welche davon manifestiert werden ist nur schwer vorhersehbar. Aber es ist möglich das Chaos in eine bestimmte Richtung zu schubsen, indem es entsprechend „penetriert“ wird. Wie wir diese Beeinflussung des Chaos erreichen ist nicht wichtig. Es wird Dich kein Gott dafür bestrafen wenn Du zu heidnischen Zeremonien gehst und dort nackt im Kreis um einen Ziegenbock tanzt. Es sei denn Du glaubst daran. 😉

Was machst Du wenn Du mit einer Gruppe ein Ritual durchführen willst, in diesem Ritual aber bestimmte Dinge geschehen die gegen Deine Grundsätze verstoßen? Entweder Du beschließt nicht mitzumachen oder aber Du veränderst Deine Grundsätze, betrachtest die Sache aus einem anderen Blickwinkel und machst beim Ritual mit. Und genau das ist mit Paradigmenwechsel gemeint: Das flexible Anpassen an die Umstände ist oft hilfreicher als das blinde Befolgen von Vorgaben, die sich irgendjemand irgendwann ausgedacht hat. In chaosmagischen Kreisen fallen oft Sätze die das verdeutlichen sollen. Sätze wie „Nichts ist wahr, alles ist erlaubt!“ oder „Möglicherweise gibt es keine absoluten Wahrheiten!“

Du entscheidest welche Regeln Du befolgst. Niemand sonst. Ich will damit aber KEINESFALLS sagen, dass das Befolgen von Regeln und das Arbeiten innerhalb eines festen Systems immer kacke ist. Das ist es nicht! Aber niemand hindert Dich daran Ausnahmen zu machen oder Systeme miteinander zu kombinieren und bestimmte Regeln auszulassen oder zu ergänzen. Niemand hindert Dich außer Dir selbst.

Am Anfang kann es helfen bereits vorgefertigte magische Systeme und Techniken zu lernen um herauszufinden wo die eigenen Talente liegen. Diese Talente kannst Du dann im Folgenden weiter ausbauen. Aber das was einen beim Zaubern eher behindert als unterstützt sollte man im Laufe der Zeit tunlichst weg lassen.

VORSICHT IST GEBOTEN!

Das hört sich jetzt vielleicht alles total leicht für Dich an. Einfach all die Dinge über Bord werfen die lästig oder unangenehm sind oder die irgendwie stören. Hurra! Aber ganz so simpel ist es dann doch wieder nicht. Sei vorsichtig damit, vorschnell irgendwelche Regeln über Bord zu werfen, nur weil sie Dir grad nicht in den Kram passen und Dir lästig erscheinen. Finde erst heraus, welchen Zweck diese Vorgaben erfüllen. Manchmal machen diese Regeln nämlich wirklich Sinn und sollten beibehalten werden um den Erfolg Deiner Magie wahrscheinlicher zu machen. Beispielsweise kannst Du selbstverständlich darauf verzichten extra in den Wald zu laufen um Kontakt mit Baumgeistern herzustellen. Das geht auch wenn Du in einem dunklen Keller mitten in der Stadt sitzt und einen Baum an die wand malst. Die Wahrscheinlichkeit, dass Du tatsächlich Kontakt zu einem Baumgeist bekommst ist aber um ein Vielfaches höher wenn Du Dich unter einen echten Baum in seiner natürlichen Umgebung setzt.

Vor allem im Hinblick auf bestimmte Sicherheitsmaßnahmen sind Regeln so gut wie unerlässlich. Ja, Du kannst auf einen Schutzkreis und Bannungsrituale und Schutzamulette verzichten wenn Du finstere Dämonengestalten beschwörst um jemanden zu verfluchen. Und ebenso kannst Du auf Merksätze wie „Alles was Du aussendest wird auf Dich zurückfallen!“ scheißen und sie für schlichtweg falsch halten. Dennoch ist es gelinde gesagt sehr unvorsichtig und mit einem gewissen Risiko verbunden wenn man bösartige, destruktive Kräfte heraufbeschwört. Vor allem wenn man keinen Gedanken daran verliert, dass einem diese Kräfte eventuell schaden könnten. Dämonischen Wesen wird spätestens dann langweilig wenn sie ihre Aufgabe erfüllt haben und nicht wieder fort geschickt werden. Der berühmte Spruch „Die Geister die ich rief werd ich nicht mehr los!“ ist schon für so manchen Magier bittere Realität geworden.

Handle vorausschauend, wenn Du Dein eigenes magisches System zusammenbastelst und mach Dir immer klar, dass es keine Regel einfach bloß so gibt. Das hat alles einen bestimmten Sinn. Die Frage ist, ob es auch für Dich Sinn macht. Beobachte gut und lerne aus Deinen Fehlern. Denn Du wirst Fehler machen. Das gehört dazu.

Und jetzt ab mit Dir ins Chaos… oder auch nicht… 😉

– Fuchs

Advertisements

Ein Gedanke zu „Chaosmagie – der Versuch einer Definition

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s